Der Papstrücktritt und die Mission der Kirche

Ciao Benedetto ! Ein Papst tritt ab, wann hat es das schon gegeben? Ein echter Tabubruch. Ihm wurde es einfach zu viel, kein Wunder bei den jüngsten Skandalen. Aber auch ohne diese Skandale wäre es zunehmend schwierig geworden. Die Kluft zwischen christlichen Werten und gesellschaftlicher Realität ist einfach zu groß geworden. In Wahrheit sind wir schon lange kein christliches Land mehr. Nur die Gewohnheit der Massenkirchenmitgliedschaft überdeckt das zur Zeit noch. Unsere Gesellschaft gleicht einem mündig werdenden Teenager: Sie hat die Nase voll von kirchlicher Bevormundung. Sie gibt sich ihre Regeln selbst und bricht alle Tabus. Sie will endlich frei sein. Eine Vielzahl christlicher Bastionen wird geschleift. Die Themen liegen auf der Hand: Abtreibung, Ehe, sexuelle Orientierung, das Kreuz in öffentlichen Räumen, elterliche Erziehung, Sterbehilfe, pränatale Diagnostik (mit Auswahl des gewünschten Embryos), der sogenannte 3. Weg im Arbeitsrecht. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Das gesellschaftliche Abstreifen christlicher Überzeugungen vollzieht sich dabei in historisch einmalig kurzer Zeit. Atemberaubend. Sprach man Ende des vergangenen Jahrhunderts noch von einem „Verdunstungsprozess“, bei dem christliche Werte, Bindungen und Überzeugungen in der Gesellschaft unmerklich, aber stetig verdampfen, muss man heute eher von einer reißenden Erosion sprechen. Was kommt danach? Wohin driftet unser Land? Wer offene Augen hat, kann es bereits jetzt mit Händen greifen: es werden kaum noch Kinder geboren, 60 % aller Neugeborenen in Ostdeutschland wachsen mit einem alleinerziehenden Elternteil auf, die Scheidungszahlen steigen weiter, die Konzentrationsfähigkeit der Kinder in den Schulen nimmt weiter ab, die psychischen Folgen der nachwachsenden Generation sind unübersehbar. Psychische Erschöpfung ist auch Dauerthema bei der arbeitenden Bevölkerungsschicht breit. Nie waren die Burnout-Zahlen so hoch wie heute, nervlicher Druck durch permanentes Multitasking und aus ökonomischen Gründen ausgedünnte Belegschaften greift um sich. Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer, von einer gerechten Wirtschaftsordnung sind wir weit entfernt, die Schulden der Vergangenheit ersticken unsere Zukunftsfähigkeit und bringen Europa an den Abgrund. Die wirklichen Folgen des demografischen Wandel liegen erst noch vor uns. Hat das eine mit dem anderen wirklich nichts zu tun? Ich bezweifle das. Eine Gesellschaft, die sich von Gott entfernt, macht unweigerlich große Fehler, nicht nur im religiösen Bereich. Noch geht es unserer Volkswirtschaft ökonomisch gesehen richtig gut, aber die Zahlen trügen, weil sich die tatsächliche Einkommens- und Arbeitssituation vieler Menschen real eben nicht verbessert. Ganz zu schweigen von der psychischen und geistlichen Gesundheit großer Teile der Gesellschaft. Zwar berichten die Medien auch darüber, aber bei der Deutung des Befundes wird konsequent selektiert. Ganzheitliche Erklärungsmodelle, die auch einen Zusammenhang zwischen genannten Trends und religiöser Bindung herstellen könnten, kommen von vornherein als zu fundamentalistisch nicht in Betracht. Wie ideologisch aufgeheizt an dieser Stelle diskutiert und berichtet wird, wurde etwa beim Thema Betreuungsgeld unübersehbar. Bleiben die strukturellen Erklärungsmodelle, die in der Regel auf Versäumnisse der Politik abheben und dabei durchaus wichtige Anstöße bringen, aber eben im Letzten an der Oberfläche bleiben: Zu wenig Kitaplätze, zu wenig Lehrer, Benachteiligung von erziehenden Frauen, fehlender Ordnungsrahmen für die Finanzbranche etc.
Was hat das alles mit dem Papst zu tun? Sein Rücktritt steht in keinem unmittelbaren Zusammenhang damit, mutet aber wie ein Signal an, dass die konservierende Kraft der Kirche (Salz der Welt, Mt. 5,13-16) gebrochen ist. Statt der gesellschaftlichen Realität hinterher zu hecheln, sollten wir wie Eltern stehen bleiben und es zulassen, dass sich der herangewachsene Sohn endgültig abnabelt und eigene Wege geht. Das verändert die Beziehung grundlegend, entspricht aber dem Wesen Gottes, wie es im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk. 15) so unnachahmlich dargelegt wird. Der Vater zahlt das Erbgeld aus, obwohl er noch lebt. Er macht keine Kompromissangebote, wirbt nicht um ein Bleiben, weil er weiß: hier kann die Einsicht nur dem Schaden folgen. Die Neue Zürcher Übersetzung drückt das treffend aus, wenn sie den Einsichts-Prozess des Sohnes als „zur Besinnung“ kommen bezeichnet (V 17). Die Hybris ungezügelter Leidenschaften bricht sich erst in der Katastrophe, sie kann nicht besänftigt werden. Was für eine pädagogische Meisterleistung des Vaters: Er zahlt das Geld und sagt kein Wort. Dann aber beginnt ein innerer Kampf bei ihm. Er läßt den Sohn zwar äußerlich los, aber innerlich umklammert er ihn und hält täglich Ausschau nach ihm. Er weiß: der kommt zurück! Ja, er kommt zurück, wenn auch gedemütigt und ausgeraubt, aber er kommt, wenn ich ihn jetzt lasse. Das muss die Kirche aushalten. Die nächsten Jahre ist nicht damit zu rechnen, dass sich das gesellschaftliche Klima ihr gegenüber bessert. Auch ein Räumen unpopulärer Positionen könnte den Abwärtstrend nicht aufhalten, wie die Austrittszahlen aus der Evangelischen Kirche zeigen. Mut zu haben, weiter zu fundamentalen Überzeugungen zu stehen, ist geradezu notwendig, will man am Ende des Prozesses die Würde des Verlorenen wiederherstellen, wie im Gleichnis. Eine Kirche, die mit in den Schweinestall geht, kann das wohl kaum. Die Kirche ist für Schweinestall-Bewohner da, für wen sonst, aber sie darf die Perlen nicht vor die Säue schmeißen. Nein, wir brauchen Mut, Ablehnung zu tragen. Es kommt die Zeit, in der die Gesellschaft umkehrt. Leider erst, wenn vieles zerstört ist. So war es in der Frühzeit der Kirche auch. Jahrhundertelang wurde sie verfolgt, dann aber griff man nach ihr als letztem Anker der Stabilität. So wird es wieder kommen, wenn wir den Mut haben eine Stimme in der Wüste zu sein: Bereitet dem Herrn den Weg, macht eben seine Straßen (Mt.3,3). Ich glaube, immer da, wo die Kirche diese Haltung einnimmt, erlebt sie ihre spannendsten und produktivsten Zeiten. Ciao Benedetto.

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Leidenschaft fragt nicht nach dem Preis

Da nahm Maria eine Flasche mit reinem, kostbarem Nardenöl und goß es über Jesu Füße.  Johannes 12,3

Das ist ja mal wieder typisch. Eine exaltierte und übertrieben emotionale Schwester lässt sich gehen und gibt sich dem Strom ihrer Gefühle hin. Da gießt doch Maria tatsächlich einen ganzen Jahreslohn (!) in einem Augenblick über die Füße von Jesus. Man stelle sich das vor; das wären umgerechnet auf einen heutigen Durchschnittsverdienst rund 25.000,- bis 30.000,- Euro. In einem Augenblick. Davon hätte man endlich das neue Klavier für die Gemeinde kaufen und zusätzlich dem Pastor eine kleine Gehaltserhöhung gönnen können. Auch für die Mission wäre ein ordentlicher Betrag drin gewesen, ganz zu schweigen von den dringend benötigten Neuanschaffungen im technischen Bereich. Als ob ein paar Tropfen als kleine Parfumerfrischung  nicht ausgereicht hätten. Zu dick aufgetragen ist es doch sowieso aufdringlich. Und in der Tat: im ganzen Haus verbreitete sich der schwere Duft dieser kostbaren Narde. Das ist doch übertrieben, einfach abgehoben !

Sicher würde bei vergleichbaren Aktionen heute dieselbe Kritik laut werden wie bei den Jüngern. Und doch lobt Jesus Maria. Er sieht in ihrem Handeln eine prophetische Tat auf seinen Tod hin. Also bleibt uns nichts anderes übrig als Jesus zuzustimmen und mit ihm zu betonen, dass Maria das doch ganz toll gemacht hat. Das ist ja auch nicht so schwer, denn die Geschichte ist zweitausend Jahre alt und betrifft uns nicht direkt. Aber ich bezweifle sehr, daß wir bei einem vergleichbaren, verschwenderischen Handeln eines unserer Gemeindeglieder immer noch auf Jesu Seite wären. Und darum müssen wir die Geschichte doch einmal näher betrachten. Und da wird rasch deutlich, was Maria von den Jüngern unterschied. Inmitten von nüchternen, sachlichen Männern, wagt sie das Skandalöse, Außergewöhnliche und läßt sich in  ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Jesus nicht bremsen. Nicht daß ich ein Freund von Gefühlsausbrüchen wäre, aber die Bereitschaft, ohne viel Nachzudenken, alles für Jesus zu geben, gleichgültig, ob der Einsatz „lohnt“ oder nicht, lässt mich nicht zur Ruhe kommen.

Ich erinnere mich, wie ich als junger Christ so voller Eifer war, daß ich mit einem Freund zusammen meinen Jugendpastor bat, uns von der Jugendstunde freizustellen, damit wir in Discos und Kneipen gehen könnten, um zu evangelisieren. Das taten wir dann auch und hatten beeindruckende Begegnungen mit Menschen und  ergreifende Gespräche. Manches Mal konnten wir mit anderen beten und ihnen Mut machen, ihr Leben Christus anzuvertrauen. Und doch: „Gebracht“ hat es sichtbar nichts. Niemand veränderte dauerhaft sein Leben oder ging ab sofort in die Kirche. Das war für uns aber auch nicht die Frage. Wir wollten einfach unseren Glauben bezeugen ! Heute gehe ich da schon ganz anders ran. Wenn der Einsatz nicht zu lohnen scheint und mein Engagement keine sichtbaren Lebensveränderungen zu bringen scheint, bin ich zurückhaltend geworden. Zu viel Kraft und Energie ist im Laufe der Jahre auf dem harten Boden unempfänglicher Herzen abgetropft. Angesichts einer verbreiteten „Nichterfahrungsfrömmigkeit“ macht es Sinn, mit seinen Kräften zu haushalten, und doch wünsche ich mir diese Leidenschaft zurück, die zunächst mal nicht nach dem Ergebnis fragt sondern angetrieben wird von einer verschwenderischen Leidenschaft für Christus. Das kann ich von Maria neu lernen. Liebe  fragt nicht nach dem Nutzen sondern wird bewegt von reiner Zuneigung. Solche Christen allein vermögen die Welt zu verändern.