Wie erkenne ich den Willen Gottes?

Die Frage nach dem Willen Gottes für unser Leben gehört zu den Kernfragen christlicher Lebensführung. Eng damit verbunden ist der Gedanke der Führung Gottes, welchen Weg Gott uns leiten möchte. Bei allen unterschiedlichen Akzenten, die christliche Traditionen setzen, sind wir uns doch in vier wesentlichen Eckpfeilern bei der Beantwortung dieser Frage einig:

1. Was sagt Gottes Wort? Entspricht das, was ich vorhabe Gottes Aussagen in der Heiligen Schrift?
2. Was sagen die Umstände? In welche Richtung deuten konkrete Rahmenbedingungen und Entwicklungen, offene Türen, Angebote und Chancen, die sich aktuell bieten?
3. Was sagen kluge Ratgeber und erfahrene Christen? Stimmt ihre Bewertung im Kern überein?
4. Was sagt der Heilige Geist? Gibt es prophetische Hinweise, Träume, eine innere intuitive Stimme, die in die Situation hineinsprechen?

Idealerweise fallen die Impulse dieser Gradmesser weitestgehend zusammen, damit wir Sicherheit und Frieden empfangen können über den nächsten Schritt. Jenseits dieser grundlegenden Prüfsteine, finden wir in der Heiligen Schrift aber auch noch weitere Konditionen, die uns ermöglichen, Gott zu verstehen und seinen Willen zu erkennen. Eine Person am Rande der Weihnachtsgeschichte, Josef, der Verlobte Marias, vermittelt uns in seinem Verhalten Einsichten in die inneren Voraussetzungen, auf die es ankommt, wenn wir ungewöhnliche und herausfordernde Führungen Gottes richtig deuten wollen. Wir wissen von ihm so gut wie gar nichts. Eine Figur am Rande, die irgendwie in die große Heilsgeschichte Gottes mit reingezogen wurde. In vielen Gemälden vergangener Epochen wird er als mehr oder weniger Unbeteiligter, als Begleiter im Hintergrund des großen Gottesgeschehens dargestellt. Wir finden ihn am Rande der Bildausschnitte, Maria dagegen und das Kind meist in der Zentralperspektive. Oft ergänzt um die jeweiligen anderen Protagonisten, die je nach Szene ebenfalls in die Mitte rücken, die Magier aus dem Morgenland und die Hirten. Er ist alt, mit weißen Haaren, weißem Bart, als wollte man damit sagen: Er kann gar nicht der Vater sein. Auch die Bibel schweigt weitestgehend über ihn. Kein einziger Dialog, keine einzige direkte Aussage von ihm wird uns berichtet, wie etwa bei Zacharias, Elisabeth, Simeon, Hannah oder Maria. Einer von uns also. Ein gewöhnlicher Handwerker, ein dezenter Wegbegleiter der Geschichte Gottes. Und doch hat er uns viel zu sagen. Vier Träume werden uns von ihm berichtet, das ist alles, was wir von haben. Aber diese Träume und seine Reaktion darauf verraten, dass er ein außergewöhnliche Mann war, der gelernt hatte, die Stimme Gottes zu hören und den Willen Gottes zu erkennen. Allein aufgrund von jeweils einem einzigen Traum trifft er die weitreichendsten Entscheidungen. Das spricht von intensiver Gottesbeziehung. Die Geschichte seines ersten Traumes (Matthäus 1,18-25) zeigt uns zwei wesentliche geistliche Eigenschaften, die ihn von seinem Umfeld abheben und ihn zum Vorbild für uns machen. Die Geschichte teilt sich in eine Zeit vor dem ersten Traum und nach dem ersten Traum und unterstreicht zwei grundsätzliche Eigenschaften, die wir brauchen, um den Willen Gottes und wirklich anspruchsvolle Führungen erkennen zu können.

1. Vor dem Traum: Den Geist des Gesetzes erkennen
Die erste bemerkenswerte Haltung von Josef ist sein Umgang mit der Schrift. Matthäus spricht ihm das Prädikat  „gerecht“ zu, „dikaios“ (griechisch), jemand, der das Gesetz immer zum Maßstab seines Handelns machte, der stets und gewissenhaft die Gebote Gottes befolgte. Im gleichen Atemzug verbindet Matthäus dieses Lob aber auch mit seiner Bereitschaft, Maria heimlich zu entlassen. Er will damit sagen: Josef lebte immer nach den Weisungen der Schrift, aber er verharrte nicht in einer Buchstabenhörigkeit, sondern war in der Lage den Geist des Gesetzes zu verstehen. Wäre Josef einfach nur dem Buchstaben des Gesetzes gefolgt, dann hätte er Maria der Steinigung preisgegeben. Denn sie war seine Verlobte, also bereits fest an ihn gebunden und doch war sie schwanger von einem anderen. Darauf stand nach dem Gesetz die Todesstrafe. Josef kommt jedoch, und das, obwohl er der Betrogene war, der Verletzte, der Enttäuschte, zu der Erkenntnis: Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern sein Heil. Das ganze Gesetz verfolgt nicht die Absicht Menschen zu bestrafen, sondern immer Menschen zu retten. Der Bund Gottes mit den Menschen hat das Ziel des Heils, nicht der Verurteilung. Das ist das Herz Gottes. So ist es ja auch in unserer eigenen Kindererziehung. Unsere Regeln wollen ja den Frieden, wollen den anständigen Menschen, wollen die Vermittlung von Werten, das Gute. Sanktionen sind dabei notwendige Übel und machen keinem Spaß, sie entsprechen nicht unserem Willen. Sanktionen wollen wir ja gerade vermeiden. Und das erkennt Josef, weil der den Geist des Gesetzes erkennt und der scheint beim ersten Blick dem Buchstaben entgegenzustehen. Diese Fähigkeit muss man erst einmal entwickeln: Nicht seinen Zorn, seine Verletzung zum Maßstab zu machen oder sein Recht, sondern sich über die eigenen Gefühle hinwegzusetzen und selbst für den, der mir weh getan hat, einen Ausweg zu suchen, weil das dem Geist des Gesetzes entspricht. Dabei war der Ausweg, den Josef suchte ebenfalls im Rahmen der Schrift, nicht im Gegensatz zur Schrift, aber er kostete ihn viel. Er war gewillt von seinem Scheiderecht Gebrauch zu machen, um es Maria so zu ermöglichen den Mann, von dem sie in seinen Augen offensichtlich schwanger war, heiraten zu können, um so die Ordnung wiederherzustellen . Was für ein Großmut. Matthäus erkennt in dieser Haltung die wahre Gerechtigkeit des Josef. Josef erkannte den Willen Gottes, weil er den Geist des Gesetzes verstanden hatte. Und das war schon ganz neutestamentlich.

2. Nach dem Traum: Ein gehorsames und fokussiertes Herz entwickeln
Nach dem Traum beeindruckt uns Josef zum zweiten Mal mit seiner Fähigkeit, den Willen Gottes zu erkennen. Nur ein einziger Traum – und doch ist er sofort bereit, das Unglaubliche zu glauben und entsprechend zu handeln. Wenn mir diese Geschichte widerfahren wäre, hätte ich den Traum wahrscheinlich als Albtraum gedeutet, als Versuchung, als Irreführung des ganz anderen. Oder zumindest hätte ich gekämpft, mich gewehrt, mit Gott diskutiert, hätte versucht, der Sache irgendwie zu entkommen. So wie Mose, der eine viel größere Offenbarung Gottes hatte als Josef. Nicht nur einen Traum, sondern eine Audition am hellichten Tag, verbunden mit eine Illumination, dem brennenden Dornbusch. Und doch wagt er es am Ende eines langen Gespräches zu sagen: Herr sende, wen du senden willst, aber nicht mich. Noch krasser macht es Jona. Als Gott ihn nach Ninive sendet, reist er sofort zum Hafen und versucht in die entgegengesetzte Richtung zu entkommen. Wie deuten wir Aufträge Gottes, die uns aus der Komfortzone reißen, die zunächst im krassen Gegensatz zu unserer emotionalen Tendenz stehen? Können wir sie als Weisungen Gottes entziffern? Und selbst wenn sie als solche interpretieren können, wie gehen wir damit um? Josef ist ein außergewöhnlicher Mann. Er sagt sofort „Ja“, er glaubt sofort und handelt. Mit radikalen Konsequenzen. Mit der Frau und dem Kind gestaltet er schließlich sein gesamtes restliches Leben. Wie konnte er das? Woher diese geistliche Deutungskraft? Nur wer es wirklich ernst meint mit der Aussage: „Nimm mein ganzes Leben, bestimme du allein“, wird überhaupt mental in der Lage sein, solch ungewöhnlichen Aufträge als Aufträge Gottes zu deuten. Wie viele Führungen finden nicht statt, weil unser Herz viel zu eng ist und wir sie überhaupt nicht sehen und verstehen können. Nur ein weites und gehorsames Herz ist in der Lage, Gottes außergewöhnlichen Willen verstehen zu können. Ich denke etwa an David Wilkerson. Er war schon als Pastor seiner schönen Landgemeinde dringend interessiert an Antworten für die wirklich Bedürftigen. Er war überhaupt nicht zufrieden mit seine Landidylle. Sein Herz brannte: „Gibt es nicht mehr, Herr? Die Not der Welt ist so groß und ich trinke hier gemütlich Kaffee bei meinen Hausbesuchen.“ Nur auf der Grundlage dieses inneren Ausgeliefertseins, dieser klaren Fokussierung – mein Leben gehört Gott ganz – konnte er den Zeitungsbericht über die Jugendbanden in New York als Auftrag deuten. Nicht nur als Auftrag, sogar als Chance. „Endlich kann ich Wesentliches tun!“ Und was dann möglich wurde, ist phänomenal. Wie bei Joseph. Er erkannte im Traum: „Was für eine Chance. Ich Unbeteiligter, ich Mann am Rande bin eingeladen an Gottes großer Geschichte, Anteil zu haben. Ich bin bereit.“ Wir erkennen den Willen Gottes also oft nur dann in umfassederer Weise, wenn wir zum Außergewöhnlichen bereit sind. Wieviel mehr könnte geschehen, wenn wir an dieser Stelle von Josef lernen würden?

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