Josefs zweiter Traum: mein Äußerstes für sein Höchstes

Es ist erstaunlich wie häufig der Evangelist Matthäus in den ersten beiden Kapiteln das Mittel des Traumes betont, um Gottes Reden zu Menschen zu beschreiben. Wasser auf die Mühlen historisch-kritischer Exegeten. Josef empfängt vier große Wegweisungen Gottes, und alle im Traum. Auch die Weisen aus dem Morgenland kehren wegen eines Traumes nicht zu Herodes zurück. Kann das mit rechten Dingen zugehen? Oder versucht hier jemand, kaum verhohlen, seine Ahnungslosigkeit, wie die Ereignisse einen göttlichen Sinn und eine göttliche Führung erhalten könnten, mit dem Verweis auf Träume zu kaschieren?
Wer sich mit der Frage beschäftigt, wie Menschen aus anderen Religionskreisen entscheidende Impulse empfangen, um sich auf den christlichen Glauben einzulassen, stößt dagegen tatsächlich ungewöhnlich häufig auf Träume. Insbesondere bei ehemals moslemischen Iranern, die in den letzten Jahren in erstaunlich nennenswerten Größenordnungen zu Christus finden, scheinen Träume eine herausragende Rolle zu spielen. Auf welches Mittel soll Gott denn auch zurückgreifen bei Menschen, die weder die Bibel kennen, noch christliche Gemeinden und Gottesdienste, noch christliche Literatur oder Medien? Das ist ja nicht nur bei Moslems oder Hindus so. Auch in unserer sakulärisierten Gesellschaft leben überwältigend viele Menschen, die keinen traditionellen Zugang mehr zum Glauben an Christus haben. Wie kann Gott zu ihnen sprechen? Oft durch bedeutsame Fügungen, Bewahrungen im Verkehr, glückliche Fügungen oder eben auch durch Träume und andere eindrückliche Anstöße. Die Weihnachts-geschichte ist voll von solchen „Erweckungsmitteln“. Da sehen einfache Hirten plötzlich einen ganzen Engelschor, Zacharias und Maria bekommen sogar einen persönlichen Besuch von Engeln, Magier aus dem Morgenland sehen Zeichen am Himmel, ein Stummer kann plötzlich wieder reden (Zacharias), ein Baby im Mutterleib strampelt so stark als Maria, die Mutter Jeus ins Haus tritt, dass es schon auffällig ist, ein alter Mann kommt exakt zu der Stunde in den Tempel, in der Jesus gesegnet wird und erkennt in ihm den Messias. Dann kommt eine genauso alte Prophetin dazu und bestätigt das. Einige Personen empfangen prophetische Lieder und finden plötzlich Worte, die bis heute Menschen bewegen. Was läßt sich Gott nicht alles einfallen, um Menschen aufzurütteln. Und das tut er auch heute noch.

Der zweite Traum des Josef
Der zweite Traum von Josef (Matth.2,13-15) und seine Konsequenzen hat uns vor allem zwei Dinge zu sagen:

1. Wer Jesus aufnimmt, kommt in Turbulenzen
Josef wird klargemacht: Jesus ist bedroht, er hat viele Feinde, hau ab, rette dich und das Kind und flieh nach Ägypten. Ganz zurecht, kaum ist Josef weg, kommen die Schergen Herodes und ermorden alle Säuglinge in der Stadt Bethlehem. Was hat das mit uns zu tun?
Die Aufforderung, Jesus in Sicherheit zu bringen, ist ja bis heute geblieben. Denn jeder, der Christus aufnimmt, kommt sogleich auch in Kämpfe und Herausforderungen. Da gibt es Mächte, Kräfte und Gewalten, die uns diesen Jesus sogleich wieder streitig machen wollen. Widerstand gegen unsere Entscheidung durch unser Umfeld, Widerstand in uns selbst, weil Jesus unsere Lebensplanung über den Haufen wirft, Zweifel, Unsicherheiten, plötzliche Anfechtungen und Versuchungen. Als der alte Simeon zur Segnung von Jesus auftaucht, erklärt er den Grund für diese sich bis heute ständig wiederholenden Kämpfe und Bedrohungen von Menschen, die Jesus aufnehmen.

„Dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird, aber auch deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen, damit die Überlegungen vieler Herzen offenbar werden.“ Lk. 2,34-35

Auch am Ende der Menschheitsgeschichte spielt dieser Topos wieder eine große Rolle. In Offenbarung 12 wird eine Frau beschrieben, die ein Kind zur Welt bringt und der alte Drache steht vor ihr und will es verschlingen. Die Frau muss fliehen und das Kind zieht Gott zu sich in Sicherheit. Bei dem Kind handelt es sich um niemand anderen als um Jesus, den Sohn Gottes. Der Kampf um den neugeborenen Jesus in uns ist also ein unbestreitbares und heilsgeschichtliches Faktum. Deswegen müssen Menschen klug sein, die Christus aufnehmen. Sie müssen diesen neugewonnen Glauben bewahren, sie müssen sich schützen, damit ihnen nicht das Kostbarste wieder geraubt wird.
Aber nicht nur neue Christen müssen aufpassen, dass Christus ihnen nicht wieder gestohlen wird, auch alle anderen. Die Spuren des Lebens, die Enttäuschungen und Verletzungen, die Brüche, die wir uns selbst zugemutet haben oder andere – all das greift nach diesem Jesus in uns. Die Aufforderung an Josef, mit Kind und Mutter zu fliehen und sich in Ägypten zu verbergen, bis die Gefahr vorüber ist, ist daher in gewissen Zeiten des Lebens von größter Bedeutung für uns. Das kann heissen, dass ich den Ort wechseln muss oder meinen Dienst vorübergehend niederlegen, um neu zu Kräften zu kommen. Das kann heißen, dass man rechtzeitig Beratung und Seelsorge in Anspruch nehmen sollte oder einen beherzten Schritt aus dem Sog der Sünde heraus wagt. Wie gut, dass der böse Tag (Epheser 6,12) vorübergeht, er ist kein Dauerzustand. An ihm und für ihn müssen wir aber gerüstet sein.

2. Wer Jesus folgen will, kommt an einem Preis nicht vorbei
Für Josef bedeutete „Jesus in Sicherheit bringen“ eine strapaziöse Reise mit Mutter und Kind durch die Wüste. Flucht mitten in der Nacht, Asyl in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht kennt, aber ohne soziales Netz oder öffentliche Leistungen für Flüchtlinge. Josef musste jeden Job annehmen, der sich ihm bot, um seine kleine Familie durchzubringen. Wie und wo werden sie gelebt haben? Eine Idylle war das ganz sicher nicht, sondern eher das kärgliche und wenig hoffnungsvolle Dasein von Flüchtlingen, wie man sie hierzulande von den Bildern der Bürgerkriegsländer im Nahen Osten heute kennt. Das wirft die Frage auf, wie Josef das geschafft hat und wie er die Zweifel überwand, die ihm angesichts dieser Herausforderungen gekommen sein dürften. „Lieber Gott, eine Frau zu heiraten, die schwanger ist, aber nicht von mir, ist schon eine Zumutung. Aber wegen der und ihrem Kind, meine Heimat aufgeben, in größten Strapazen wochenlang durch die Wüste wandern, zu Fuß, um dann in einem fremden Land als nicht willkommener Ausländer abgelehnt zu werden – das ist zu viel. Was habe ich mit der ganzen Geschichte eigentlich zu tun? Ist die Frau von mir schwanger oder hast du das gewollt?“ So ähnlich wird uns Moses Nervenlage einmal geschildert, als er voller Verzweiflung zu Gott sagt: Habe ich dieses Volk zur Welt gebracht oder du? Mir reicht es, die Herausforderung mit diesen Leuten ist mir zu groß, lass mich lieber sterben! (4.Mose 11,11-15).
Sowohl Mose als auch Josef machen uns klar, dass der Weg mit Gott ohne Opferbereitschaft nicht zu machen ist. Jesus geht so sogar so weit zu sagen, wer nicht bereit ist, seine Familie, seine Freunde, seine Heimat , seinen Besitz um Christi willen hinten an zu stellen, der kann überhaupt nicht sein Jünger sein (Lk. 14,26, 33). Nachfolge kostet einen Preis ! Die Frage ist nur, aus welcher Perspektive wir diesen Preis betrachten. Erscheint er uns als Überforderung, weil er unsere Komfortzone in Frage stellt? Erleben wir das ohne Frage geforderte Opfer als Zumutung, als lästige Pflicht, als Freude-Killer? Oder machen wir es wie Josef, der den Preis ganz anders interpretiert.

Wir sind eingeladen in Gottes Dreamteam
Wenn du heute einen Anruf von Jogi Löw bekommen würdest und er dich einlädt in den EM Kader 2016 einzusteigen und dir noch dazu einen festen Platz in der Startaufstellung zusichert – was wäre deine Reaktion? „Ne, Jogi, geht jetzt nicht, bin gerade mit Plänen für ein Auslandssemester beschäftigt, das könnte ich ja dann nicht machen.“ Oder: „Ich habe gerade ein tolles Angebot von einer großen Firma bekommen, mit Firmenwagen und hohem Anfangsgehalt, Ne, so gerne ich auch Fußball spiele, ich schaue lieber im Sessel zu, wenn ihr das Ding reißt.“ (vgl. Lk.14,15-24). Wenn ich nochmal 20 wäre und ich bekäme so einen Anruf, ich bräuchte keine zwei Sekunden, um meine Antwort zu geben. Na klar kostet das einen Preis, aber angesichts dieser Chance, zu einem Dreamteam gehören zu dürfen, das seit 25 Jahren nicht mehr so gut war wie jetzt, zum Weltmeister-Team – angesichts dieser Aussicht würde ich die genannten Opfer mit Freuden bringen !
Und genauso sieht es Josef: „Was für eine einmalige Chance – mit so einer Frau, die Gott so hingegeben ist und ihre ganzen Lebenspläne über den Haufen geworfen hat, nur um Gott zu gefallen, durch dick und dünn gehen zu dürfen. Die Hirten kamen, die Weisen aus dem Morgenland kamen – diese Frau ist von Gott erwählt, das Kind ist wirklich Gottes Sohn. Ich darf Gottes Sohn erziehen und ihm eine menschlicher Vater sein,. Wie gut ist das denn? Um zu diesem Dreamteam dazugehören zu dürfen, gehe ich auch durch die Wüste!“
Diese Perspektive brauchen wir, nicht das mürrische, klagende Stöhnen, das überhaupt nicht begreift, was für eine Gnade es ist, diesem Gott überhaupt dienen zu dürfen. Ich liebe den Satz aus einem Hillsong-Leitermeeting vor einiger Zeit: „Unsere Kirche ist nicht aufgebaut auf den Gaben und Talenten von einigen wenigen, sondern auf dem Opfer von vielen.“ Es ist wahr: Es gibt keine Kirche und keine Gemeinde, in der das Feuer der Liebe Gottes brennt, in die man so gerne geht, dass man die Wüste durchqueren würden, die nicht von Leuten wie diesem Josef erfüllt ist. Es gibt keine Erweckung, die mit dem Schlafwagen kommt, sondern sie ist immer Antwort auf Menschen wie Josef und Maria, die sagen: Für Gott machen wir das alles super gerne, es ist uns eine Ehre dabei sein zu dürfen und zu Gottes Dream gehören zu dürfen!
Mit solchen Leuten bin ich bereit alles zu geben! Wie großartig ist es, mit Menschen unterwegs zu sein, die nicht auf die Kosten schauen, sondern auf die Chance und Ehre, für Gott sein Bestes geben zu dürfen. Das ist die Haltung von Josef und das ist die Haltung, durch die Jesus gerettet wird, groß rauskommt und sein Heil der Welt schenken kann.

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